We did it our way

Oder wie die konzentrierte Dunkelheit ins Päckchen kam

Zur Vorgeschichte: Gemeinsame Unternehmungen und Gespräche über "Gott und die Welt" sind für meinen besten Freund Ralph und mich das Salz in der Suppe des Lebens. Und wir teilen gerne!In diesem Sinne: Viel Spaß beim Lesen.



Am heutigen Samstag sind Ralph und ich zunächst einmal getrennte Wege gegangen.

My Way
Ich verbrachte den Vor- und Nachmittag mit einer ehemaligen Arbeitskollegin und ihrer Tochter in Hattingen. Und wie das so ist, wenn man alle Jubeljahre mal zusammenkommt, haben wir von 10.00-15.00 Uhr bei Kafee und Chai-Tee über Gott und die Welt gequasselt, bis wir Fransen am Mund hatten. Danach noch lecker Essen im Altstadttreppchen. Bei schönstem Sommerwetter, „Spaghetti Frutti de Mare“ (“molto bene“) und einem Gläschen Wein, habe ich noch ein paar gute Filmtipps bekommen, die ich mir nach und nach zu Gemüte führen werde: „Gia“, „Gegen die Wand“, „Der fremde Sohn“ (befindet sich seit heute in meinem Besitz) und „Auf der anderen Seite“.

Ralph’s Way 9.00 Uhr: aufstehen und auf dem Weg ins Bad versuchen, nicht die Orientierung zu verlieren. Umwege sind erlaubt.

9.55 Uhr: Frühstück (6 Zigaretten, 4 Kaffee).

10.30 Uhr:Heute Hausmann. Berauscht durch die Dämpfe exquisit duftender Teakholzpolitur schwebt Ralph zu dem sphärischen Soundtrack zu Stanley Kubrick’s „2001“, schwerelos durch sein Wohnuniversum.

16.30 Uhr: Ausgeschwebt und gelandet. Ralph fährt einkaufen und findet sich im olfaktorischen Paralleluniversum gestresster Konsumritter wieder, dessen Bewohnern die Segnungen moderner Hygienemittel gänzlich unbekannt zu sein scheinen. Offensichtlich vermag Deodorant bei dieser "Spezies" eine ebensolches Unbehagen auszulösen, wie das Erscheinen des Monolithen bei den Frühmenschen in Kubrick’s oben genannten Meisterwerk.

17.45 Uhr: Ralph rettet sich, mitsamt seiner beleidigten Nase nach draußen.

19.00 Uhr: Punktlandung bei mir.


Our Way
Wir freuen uns auf einen gemütlichen "Filmabend" und haben die Qual der Wahl:: Fritz Lang’s „Metropolis“, Pierre Paolo Passolini’s „Medea“, Jeff Refroe's Cyberthriller "One Point Zero",  „Signor Rossi“ und die erste Staffel „Queer as folk“.  Rechte oder linke Hand? - 1.0!

Achtung: Spoiler
Ich nehme mal vorweg, dass sich „One Point Zero“ als ein faszinierendes Beispiel dafür entpuppte, wie man – unabhängig von der ursprünglichen Intention der Macher – zu einer vollkommen anderen Interpretation gelangen kann und wahrscheinlich macht genau diese Möglichkeit den Film so spannend und zu einem Ausnahmewerk seines Genres.

Aber zunächst eine kurze Inhaltsangabe
Ort der Handlung ist ein Wohnhaus. Programmierer Simon (grandios gespielt von Jeremy Sisto) erhält mysteriöse Päckchen ohne Inhalt. Tatsächlich?

Diese seltsam inhaltslosen Pakete scheinen in Zusammenhang mit einem tödlichen Virus zu stehen, der nahezu alle Bewohner des Hauses nach und nach befällt. Auch bei Simon zeigen sich schon bald erste Krankheitssymptome und ein suchtähnliches Verlangen nach Milch.

Trotz massiver Sicherheitsvorkehrungen, findet er immer wieder leere Päckchen in seiner Wohnung vor und glaubt bald an eine Verschwörung seiner Nachbarn gegen ihn. Als der erste Mord geschieht, beginnt für Simon ein unaufhaltsamer kafkaesker Alptraum aus dem es kein Entrinnen gibt.

Im Gegensatz zu Ralph hatte ich das Vergnügen den Film schon zwei Wochen vorher zu sehen und war nun gespannt auf sein Urteil, welches zunächst sehr zurückhaltend ausfiel. Nach einer tief schürfenden Diskussion, glaubten wir schließlich den „Stein der Weise“ in Form einer spektakulären Interpretation gefunden zu haben. Sie war perfekt! Sie war schlüssig. Sie war makellos!...

Wie wir es sahen Die Optik: Der Beleuchter hat wahre Wunder vollbracht. Die Handlung: kafkaesk, hypnotisch, alptraumhaft Die Charaktere: herrlich skurril.

Handlungsort und Protagonisten des Films sind so ikonografisch angelegt, das wir von Anfang an nicht von einer "Realhandlung" ausgegangen sind. Wir interpretieren das Haus und seine Bewohner als Metapher für ein Computersystem, welches von einem Virus infiziert wird. Hauptanhaltspunkt: die inhaltslosen Päckchen und die verbalen „Fehlfunktionen“ der Protagonisten. Das „Bild“ der leeren Pakete ist aber auch eine zu verlockende Offerte, welche unserer Vermutung, es handele sich dabei um Trojaner, geradezu mit offenen Armen „entgegenlief“.

Tatsächlich kommt dieser Teil unserer Interpretation recht nah an die Sichtweise der Filmemacher heran. Die Figur des Simon wäre in unserem "Konstrukt" sozusagen die „Schnittstelle“ im System. Alles war schlüssig, alles passte, alles war rund und dann.....bis zu dem Zeitpunkt, wo wir uns entschlossen, den Audiokommentar der DVD zu Rate zu ziehen. Innerhalb der ersten zehn erwartungsvollen Minuten, wurde unsere perfekte Deutung von der „konzentrierten Dunkelheit“ (Originalzitat aus dem Audiokommentar, doch dazu später mehr) restlos verschluckt.

... der Adiokommentar:
Offensichtlich hatten die Macher des Films die Konsumkritik an einem Kapitalistischen Systems im Sinn, welches von ihnen scherzhaft als „konzentrierte Dunkelheit“ bezeichnet wird. Ein skrupelloser Großkonzern infiziert arglose Menschen mit Nanomilben (Träger dieser verhängnisvollen "Mikroben" sind die Päckchen), um deren Konsumverhalten zu kontrollieren; mit tödlichen Nebenwirkungen.

Ok! Unser Fazit: Wir sind von diesem Film restlos begeistert und bleiben – trotz des „real existierenden“ Audiokommentars – weiterhin von unserer „Trojanertheorie“ überzeugt. Und vielleicht hat jemand noch einen dritten oder vierten Interpretationsansatz zu diesem außergewöhnlichen Film. Es wäre spannend, dies zu erfahren!

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