Das Licht gehört mir!

Der Leuchtturm

Der Leuchtturm (Lighthouse)  ist ein ebenso fesselndes wie beklemmendes Kammerstück, dessen morbide Strahlkraft aus den tiefsten Abgründen der Seele zu kommen scheint. Eine „wilde Jagd“ in den Abgrund.


Regisseur Rober Eggerson (The Witch) engagierte mit William Dafoe und Robert Pattinson zwei Schauspieler, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Ohne den Film gesehen zu haben zweifelt man fast daran, das Pattinson gegen den „Berserker“ Dafoe im Mimenduell bestehen kann. Er kann, und wie! Die rauschhafte Eskalation, in die sich die beiden Schauspieler im Verlauf der immer surrealer werdenden Handlung hineinspielen ist eine atemberaubende „wilde Jagd“ in den Wahnsinn.

Der Plot ähnelt einer Versuchsanordnung: zwei ungleiche Männer – Tom Wake (William Dafoe) und sein neuer Gehilfe Ephraim Winslow (Robert Pattinson) – sind für eine vierwöchige Schicht auf einer abgelegenen, zerklüfteten Insel als Leuchtturmwärter eingeteilt. Keiner der beiden sperrigen Charaktere vermag auf Anhieb Sympathie beim Zuschauer zu erwecken, umso faszinierender ist die schicksalhafte Eigendynamik, die aus ihrer Rivalität im Laufe der Handlung entsteht.

Das Licht gehört mir!
Von Anfang an herrscht eine unheilvolle lauernde Spannung zwischen den beiden Protagonisten. "Das Licht gehört mir!" – stellt Wake gleich zu Anfang des Films klar und macht damit seinen Machtanspruch geltend, der zum zentralen Konflikt der Handlung werden wird. Wake wacht eifersüchtig über das Leuchtfeuer während er Winslow mit der Zuteilung niederer Arbeiten schikaniert. Dieser rebelliert – zunächst jedoch eher zögerlich, mal solidarisiert er sich mit seinem Tyrannen, mal provoziert er ihn. Auch er will „zum Licht“. Aber um welches Licht geht es eigentlich? – Das Licht der Erkenntnis? Den Blitz des Poseidon? Zarathustras „Licht-Abgrund“? Das Feuer des Prometheus? Oder gar die Glut, mit der sich Ödipus selbst blendete?.

Jede dieser Interpretationen scheint möglich in dieser surrealen Wirklichkeit und selbst Wake’s Familienname scheint kein Zufall in diesem intelligenten Spiel um Traum und Realität. Es ist eine Beziehung voller Spannungen und die unvermeidliche Katastrophe lauert in jedem Blick, jedem Schatten. Die beiden saufen, schreien und tanzen sich um Kopf und Kragen.

In einer Schlüsselszene tötet Winslow in seiner Wut eine Möwe. Wake hatte ihn gewarnt, denn die Vögel gelten den Seemännern als Wanderer zwischen Leben und Tod. Von diesem Punkt an eskaliert die Handlung. Während die Figur des Wake immer mehr mythologische Züge annimmt, scheint Winslow – wie sein Vorgänger – dem Wahnsinn zu verfallen.

Poseidon trifft Freud, Poe und Murnau
In seiner filmischen Ästhetik erinnert „Der Leuchtturm“ an die expressionistischen Filme der 20er und 30er Jahre. Auch das ungewöhnliche Format ist den Vorbildern dieser Zeit entliehen. Eggers gibt damit den Rahmen vor, der die bedrückende Engen und Abgeschiedenheit des Handlungsortes wiederspiegelt. Innerhalb dieser Grenzen, entfesselt er mit seinen beiden Protagonisten eine Tour de Force, die den vorgegeben „Raum“ zu sprengen droht und die visuelle Wucht der Bilder weckt Assoziationen zur griechischen Mythologie, Sigmund Freud, Edgar Allan Poe, H.P. Lovecraft und Friedrich Murnau.

Seelenmetapher und Mythos
Eggers feiert den Symbolismus mit einer hymnischen Bildsprache, in der Motive der griechischen Mythologie, surreale Rätsel und psychologische Metaphern miteinander verschmelzen. Alles scheint bedeutend in diesem beklemmenden Alptraum, der so vielschichtig ist, das er dem Zuschauer ein ganzes Pantheon an Interpretationsmöglichkeiten eröffnet.

Ich fühlte mich an Sigmund Freuds Strukturmodell der menschlichen Psyche erinnert, mit der Insel als Seelenmetapher und dem Leuchtturm als „Haus“, in dem ein labiles Ich um Identität und Bedeutung ringt.

Das „Ich“ (Winslow) unterwirft sich unwillig den Regeln des übermächtigen Über-Ich oder auch Vaterfigur (Wake), während er gleichzeitig mit den triebhaften Begierden des Unbewussten ringt, symbolisiert durch das Meer und die Sirene, die ihm in alptraumhaften Visionen begegnet. Anfangs nennt Wake seinen Assistenten nur „Junge“, was den psychologischen Ansatz stützen würde. Der heraufziehende Sturm mag ein weiteres Sinnbild für den unvermeidbaren Kampf beider Egos sein. In diesem Zusammenhang könnte auch der Leuchtturm als „gezähmte“ Traummetapher der eigenen Sexualität gedeutet werden, die in der Figur der Nixe schließlich ihre pure animalische Verkörperung findet. Winslow ist eine von Neid, Schuldgefühlen und Begierden Getriebener, dessen Identität zudem in Frage gestellt wird. In einer Szene bekennt er die Identität dessen angenommen zu haben, der er ermordete.

Folgt man dieser Interpretation, dann ist Winslows einziger Weg zur Befreiung der „Vater- oder auch Königsmord“. Wir kennen Ödipus’ Schicksal. Und Winslow? Auch er wird am Ende vom Licht geblendet. Wie gesagt, diese „Lesart“ ist eine von vielen Deutungsmöglichkeiten und genau das ist die Stärke dieses Meisterwerkes. Es lässt dem Zuschauer Raum für eigene Assoziationen.

„Der Leuchtturm“ ist ein wahrhaft herausragendes Film-Hihglight, eine seltene Perle im belanglosen Meer des üblichen Mainstream-Kinos, um die Metapher ein wenig zu strapazieren..

Trailer ansehen bei Universal Pictures

Schreibe einen Kommentar